Das Haus der bunten Bücher: Parallelen zum Hambacher Forst – Friedrich Dürrenmatt: "Der Besuch der alten Dame"

Parallelen zum Hambacher Forst – Friedrich Dürrenmatt: "Der Besuch der alten Dame"

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Liebe Hausgäste,

in der Schule in Deutsch müssen wir alle ein Referat halten. Ich dachte mir: "Wie praktisch! Hab doch gerade den "großen Gatsby" (Link zur Rezension ↗) gelesen, da halte ich doch einfach ein Referat drüber." Pah! Meine Deutschlehrerin meinte, das sei fürs Abi nicht relevant. Sie hat mir dann ein paar Themen vorgeschlagen, die ich aber grundsätzlich nicht machen wollte, weil es nicht meine eigenen waren (nein, ich bin gar nicht stur!) und musste mich aber sofort auf ein Thema festlegen. Das Einzige, was mir einfiel, war "Der Besuch der alten Dame", weil meine Austauschschülerin das im Deutschunterricht las, als ich in Frankreich war. So war ich mehr oder weniger gezwungen, mich von Claire Zachanassian besuchen zu lassen ...


Die Stadt Güllen ist pleite. Die Industrie ist zusammengebrochen, die Straßen und die Gebäude heruntergekommen. Die Einwohner haben kein Geld. Doch: Es naht ein Lichtblick. Claire Zachanassian ist in Güllen aufgewachsen und musste als junge Frau die Stadt verlassen. Nun ist sie Milliardärin und kündigt ihren Besuch im kaputten Güllen an und die Güllener hoffen auf ihre Hilfe. Tatsächlich hoffen sie richtig: Die alte Dame verspricht ihnen eine Milliarde, die allerdings mit einer Bedingung verbunden ist: Jemand muss Alfred Ill, ihren früheren Freund, töten.

Puh, ein ganz schön krasses Angebot! Und eigentlich ganz lukrativ! Ein Menschenleben gegen das Wohl von hunderten anderen?! Das Drama thematisiert genau dieses Problem. Sollen die Güllener Alfred Ill töten? Schließlich hat er Claire Böses angetan und so wäre es doch auch gerechtfertigt. Und eine Milliarde!

Das Drama (was natürlich in Theaterskriptform geschrieben ist) ist mega witzig! Nicht umsonst ist es eine Tragikomödie. Ich hätte nicht gedacht, dass es sich so schnell und vor allem so unterhaltsam lesen lässt. Zum Glück! Sonst wäre das Referat ja eine Qual ...

Was ich aber noch nicht gedacht hätte: Es gibt so viele interessante Interpretationen von dem Theaterstück und, was noch krasser ist: In der Gegenwart gibt es Parallelen. Der Konflikt "Profit oder Moral" findet sich in der aktuellsten Politik: der Hambacher Forst. Entweder man holzt ihn ab und gewinnt Kohle (wie passend!) oder man holzt ihn nicht ab und bleibt moralisch auf der sicheren Seite.

Allerdings muss man sich Moral auch erst leisten können. RWE dürfte hier wohl keine großen Probleme haben, aber die Güllener schon. In Brechts "Dreigroschenoper" kommt in der Ballade "Wovon lebt der Mensch?" auch die Zeile "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" vor. Wahrscheinlich hat sich Dürrenmatt dort ein bisschen inspirieren lassen.

Man kann noch andere Schlüsse ziehen. Dürrenmatt hält den Menschen einen Spiegel vor. "Damals" haben die Güllener Claire aus der Stadt gejagt, heute empfangen sie die Milliardärin festlich mit einer Lobesrede. Früher ging es um die Moral und heute "ach, gibt doch Geld dafür!" Wie scheinheilig!



Mir hat das Drama unerwarteterweise sehr gut gefallen und die absurden Elemente am Besten. Immer wieder musste ich grinsen und ich denke, dass mein Referat überhaupt keine große Qual sein wird.

Nun beschließe ich diese Rezension mit dem Zitat eines Theaterbesuchers gegenüber Dürrenmatt (50er Jahre, Konstanz):
Herr Dürrenmatt, Sie haben uns mit ihrem Stück in die Fresse gehauen. So haben sie uns in die Fresse gehauen. Ich danke Ihnen, Herr Dürrenmatt, dass Sie uns in die Fresse gehauen haben. Hauen Sie uns bitte weiterhin in die Fresse, Herr Dürrenmatt.





"Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt // 160 Seiten // Taschenbuch // Preis: 10,00€ // Diogenes // ISBN: 978-3-257-23045-1 // Uraufführung: 29. Januar 1956

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